Überall und unsichtbar, lebensnotwendig und toxisch: Justus Liebig hatte in den
1840er Jahren die Idee und experimentierte damit, wie man Stickstoff aus der Luft
nützlich und ertragssteigernd in den Boden bringen könnte, Fritz Haber und Carl
Bosch gelang es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, den Stickstoff in Ammoniak und
damit in für Pflanzen verwertbaren Stickstoff umzuwandeln. Liebigs Antrieb war
die Vermeidung von Hungersnöten in einer wachsenden Weltbevölkerung, die
zunehmend in Städte lebte. Die entsprechende Vermehrung der Lebensmittel war
sein Gegenmittel, während der auch kurz in Gießen weilende Georg Büchner im
“Hessischen Landboten” den Palästen den Krieg erklärte und die Bauernrevolution
auf die Tagesordnung setzte.
1 Gewonnen hat einstweilen die unter anderem mit
dem Haber-Bosch-Verfahren eingeleitete “grüne Revolution”. Noch vor wenigen
Jahren glaubten die Vereinten Nationen, das Problem des Hungers endgültig von
der Liste der größten Menschheitssorgen streichen zu können. Es kann deswegen
nicht gestrichen werden, weil die Verarbeitung von Stickstoff und damit einhergehende Folgeprobleme massive ökologische Schäden hervorgerufen hat, die
auch die Versorgung mit Lebensmitteln bedrohen. Die Menschheit ist auch in
diesem Bereich des wissenschaftlich-technischen Fortschritts an planetare Grenzen
gezogen und muss Bilanz ziehen.
2
Segen und Fluch lagen schon im Ersten Weltkrieg zusammen, als aus
Ammoniak auch Unmengen tödlichen Sprengstoffes erzeugt wurden. Ein Problem
wurde dann vor allem die Aufblähung der Stickstoffmengen in den Kreisläufen,
verschärft durch das NOx-Problem, die Verbrennung von fossilen und nachwachsenden Rohstoffen. Nitrat im Grundwasser und Lachgas in der Atmosphäre sind
jedem Laien ein Begriff, die Verwendung von Kunstdünger ist drastisch
einzuschränken. Und da sind wir fast wieder bei Liebigs Ausgangsproblem: wie
eine immer noch wachsende Bevölkerung zu ernähren ist, angereichert durch die
Existenz wichtige Frage, wie dies auf nachhaltige und gesunde Weise zu schaffen
ist. Die technischen Kompensationsmöglichkeiten dazu gibt es, nationalen und
europäischen Regulierungsinstanzen bestehen, quer stellen sich anachronistisch
gewordene und durch starke, aber kurzsichtige Lobbygruppen am Leben erhaltene
Strukturen und Organisationsformen der Agrarproduktion.
Das Stickstoff-Problem hat längst planetare Ausmaße angenommen und bedarf
auch transnationaler, multilateraler Interventionen, es steht im Kreuzungspunkt so
gut wie aller Umweltschäden (Wasser- und Luftqualität, Treibhausgase und
Artensterben, Ozon) und betrifft fast alle Nachhaltigkeitsziele der Vereinten
Nationen.
1
Claus Leggewie, Justus Liebig trifft Georg Büchner: Sturm und Drang — eine fiktive Begegnung,
in: Chemie in unserer Zeit, Bd. 37, H. 6, 2003, S. 410–415 https://doi.org/10.1002/ciuz.200300306.
2
Rockström J, Steffen W, Noone K, Persson Å, Chapin F S, Lambin E F, Lenton T M, Scheffer M,
Folke C, Schellnhuber H J, Nykvist B, De Wit C A, Hughes T, Van Der Leeuw S, Rodhe H, Sörlin
S, Snyder P K, Costanza R, Svedin U, Falkenmark M, Karlberg L, Corell R W, Fabry V J,
Hansen J, Walker B, Liverman D, Richardson K, Crutzen P, Foley J A (2009): Planetary
Boundaries: Exploring the safe operating space for humanity, Ecology and Society 14 (2): http://
www.stockholmresilience.org/planetary-boundaries.
Foreword
vii
1840er Jahren die Idee und experimentierte damit, wie man Stickstoff aus der Luft
nützlich und ertragssteigernd in den Boden bringen könnte, Fritz Haber und Carl
Bosch gelang es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, den Stickstoff in Ammoniak und
damit in für Pflanzen verwertbaren Stickstoff umzuwandeln. Liebigs Antrieb war
die Vermeidung von Hungersnöten in einer wachsenden Weltbevölkerung, die
zunehmend in Städte lebte. Die entsprechende Vermehrung der Lebensmittel war
sein Gegenmittel, während der auch kurz in Gießen weilende Georg Büchner im
“Hessischen Landboten” den Palästen den Krieg erklärte und die Bauernrevolution
auf die Tagesordnung setzte.
1 Gewonnen hat einstweilen die unter anderem mit
dem Haber-Bosch-Verfahren eingeleitete “grüne Revolution”. Noch vor wenigen
Jahren glaubten die Vereinten Nationen, das Problem des Hungers endgültig von
der Liste der größten Menschheitssorgen streichen zu können. Es kann deswegen
nicht gestrichen werden, weil die Verarbeitung von Stickstoff und damit einhergehende Folgeprobleme massive ökologische Schäden hervorgerufen hat, die
auch die Versorgung mit Lebensmitteln bedrohen. Die Menschheit ist auch in
diesem Bereich des wissenschaftlich-technischen Fortschritts an planetare Grenzen
gezogen und muss Bilanz ziehen.
2
Segen und Fluch lagen schon im Ersten Weltkrieg zusammen, als aus
Ammoniak auch Unmengen tödlichen Sprengstoffes erzeugt wurden. Ein Problem
wurde dann vor allem die Aufblähung der Stickstoffmengen in den Kreisläufen,
verschärft durch das NOx-Problem, die Verbrennung von fossilen und nachwachsenden Rohstoffen. Nitrat im Grundwasser und Lachgas in der Atmosphäre sind
jedem Laien ein Begriff, die Verwendung von Kunstdünger ist drastisch
einzuschränken. Und da sind wir fast wieder bei Liebigs Ausgangsproblem: wie
eine immer noch wachsende Bevölkerung zu ernähren ist, angereichert durch die
Existenz wichtige Frage, wie dies auf nachhaltige und gesunde Weise zu schaffen
ist. Die technischen Kompensationsmöglichkeiten dazu gibt es, nationalen und
europäischen Regulierungsinstanzen bestehen, quer stellen sich anachronistisch
gewordene und durch starke, aber kurzsichtige Lobbygruppen am Leben erhaltene
Strukturen und Organisationsformen der Agrarproduktion.
Das Stickstoff-Problem hat längst planetare Ausmaße angenommen und bedarf
auch transnationaler, multilateraler Interventionen, es steht im Kreuzungspunkt so
gut wie aller Umweltschäden (Wasser- und Luftqualität, Treibhausgase und
Artensterben, Ozon) und betrifft fast alle Nachhaltigkeitsziele der Vereinten
Nationen.
1
Claus Leggewie, Justus Liebig trifft Georg Büchner: Sturm und Drang — eine fiktive Begegnung,
in: Chemie in unserer Zeit, Bd. 37, H. 6, 2003, S. 410–415 https://doi.org/10.1002/ciuz.200300306.
2
Rockström J, Steffen W, Noone K, Persson Å, Chapin F S, Lambin E F, Lenton T M, Scheffer M,
Folke C, Schellnhuber H J, Nykvist B, De Wit C A, Hughes T, Van Der Leeuw S, Rodhe H, Sörlin
S, Snyder P K, Costanza R, Svedin U, Falkenmark M, Karlberg L, Corell R W, Fabry V J,
Hansen J, Walker B, Liverman D, Richardson K, Crutzen P, Foley J A (2009): Planetary
Boundaries: Exploring the safe operating space for humanity, Ecology and Society 14 (2): http://
www.stockholmresilience.org/planetary-boundaries.
Foreword
vii
